Das wahre Gesicht Jesu
Neue Bücher:
CorneliaSchrader Vor dem Angesicht Betrachtungen
und Erfahrugen vor dem Muschelseidenbild in Manoello
ISBN - 103-030533-30-0
ISBN-13 978 - 3 939533-30-6
Verlag ro Business
www.book-on-demand.de 14 Euro
www.omnis-terra.de Ppst Benedikt XVI und das
Volto Santo ISBN 3-9810117-9-1 19.95 Euro
Es ist eine der wertvollsten Reliquien der
Christenheit und galt lange als verschollen: das
Tuch der Veronika. In den Abruzzen machte unser
Autor eine Entdeckung
von Paul Badde
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Nicht von Menschenhand
gemalt. Vor diesem Bildnis kniete schon der
Kaiser von Byzanz - Foto: Badde
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Wie sah Jesus aus? Etwa wie Jim Caviezel im "Passion"-Film?
Oder wie auf den Porträts von Dürer oder El Greco,
die in den Gemächern des Papstes hängen? Sie alle
haben Jesus doch nie gesehen. Wie also sah er aus? -
Auf diese Frage gibt es eine sehr, sehr alte
Antwort: auf einem Tuch mit dem "wahren Bild"
Christi, das selbst der Papst noch nie gesehen hat.
Darüber kann im Vatikan nur schwer gesprochen
werden. Denn dieses Tuchbild ist anderer Art. Bis
zum Jahr 1600 wurde es in der alten Petersbasilika
Kaiser Konstantins verwahrt. Millionen haben es
gesehen. Seitdem aber hat diese "Vera Ikona" kaum
noch jemand zu Gesicht bekommen. Im neuen Petersdom
wurde das Gottesbild hinter drei Riegeln
verschlossen. Es sei "im Laufe der Zeit sehr
verblasst", hat Kardinal Marchisano, der Erzpriester
der Basilika, die WELT wissen lassen. Es ist jedoch
nicht nur verblasst, es ist wohl auch eine Attrappe
- von der es kein einziges taugliches Foto gibt.
Verehrer der Christusikone wurden deshalb zuletzt
meist auf ein anderes Bild in der Sakristei des
Papstes nebenan verwiesen, von dem es heißt, es sei
das älteste der Welt.
So sieht dieses Bild auch aus. Es ist im Lauf der
Zeit fast schwarz geworden - wie viele alte Gemälde,
die mit Tempera auf Leinwand gemalt wurden. Das
"wahre Bild" Christi hat aber keine Farben. Bevor es
nach Rom kam, war es in Konstantinopel, davor im
Orient, wo ein syrischer Text aus Kamulia in
Kappadokien im 6. Jahrhundert davon sprach, es sei
"aus dem Wasser gezogen" und "nicht von Menschenhand
gemalt". Doch als es nach Rom kam, zog es die
Menschen an wie ein Magnet.
Mit einer Palme schmückten sich in der ersten
Hälfte des letzten Jahrtausends die Heimkehrer aus
Jerusalem. Das Zeichen der Santiagopilger ist bis
heute die Muschel. Rom-Pilger aber hefteten sich
Miniaturen des Christusbildes an ihre Pelerine, der
"Sancta Veronica Ierosolymitana": der heiligen
Veronika aus Jerusalem. Der Grundstein des neuen
Petersdoms sollte nach Papst Julius II. deshalb auch
Fundament eines mächtigen Tresors für diesen
unvergleichlichen Schatz werden.
Während der Bauzeit des damals noch so
umstrittenen Prachtbaus verschwand das Bild dann
aber auf mysteriöse Weise aus der Stadt. Nur ein
venezianischer Rahmen mit zerbrochenem altem Glas
ist davon übrig und in der Schatzkammer von Sankt
Peter noch heute zu sehen. Verschwunden ist das Bild
jedoch nicht. Seit 400 Jahren hängt die wertvollste
Reliquie der Christenheit, vor der einst der Kaiser
von Byzanz einmal im Jahr knien durfte, zwischen
zwei Kristallscheiben in einem über viele, viele
Stunden völlig leeren Kirchlein der Kapuziner in
Manoppello, einem Bergstädtchen in den Abruzzen. Es
ist das verschollene Leitbild Europas. Heute endlich
muss es als wieder entdeckt gelten; es verblasst
gegen Licht, es dunkelt im Schatten, doch es vergeht
und verfällt nicht.
Es zeigt das bärtige Gesicht eines Mannes mit
Schläfenlocken, dem die Nase angeschlagen wurde wie
einer Geisel aus einem der vielen Folterkeller
heutiger "Gotteskrieger" - oder eines Häftlings aus
Abu Ghraib. Die rechte Wange ist geschwollen, der
Bart teilweise ausgerissen. Stirn und Lippen haben
beim nahen Hinsehen das Rosa frisch verheilter
Wunden. Unerklärliche Ruhe liegt im Blick aus weit
geöffneten Augen. Verblüffung, Erstaunen,
Verwunderung liegt in seinen Zügen. Mildes Erbarmen.
Keine Verzweiflung, kein Schmerz, kein Zorn. Er
gleicht dem Gesicht eines Mannes, der gerade vom
Schlaf erwacht und in einen neuen Morgen schaut.
Sein Mund ist halb geöffnet. Sogar die Zähne sind zu
sehen. Müsste der Laut bestimmt werden, der auf den
Lippen liegt, dann formen sie gerade ein leises A.
Alle Proportionen zeigen eins zu eins die Maße eines
menschlichen Gesichts auf dem 17 mal 24 Zentimeter
großen Tuch. Der hauchdünne Schleier ist
durchsichtig wie ein Seidenstrumpf. Mehr als einem
gemalten Bild gleicht es aus der Nähe einem großen
Diapositiv. Im Gegenlicht ist es transparent. Im
Schatten, ohne Licht, wirkt es fast schiefergrau.
Ein kleiner abgebrochener Kristallsplitter klebt
rechts unten im Rahmen an dem Bild. Im Licht von
Glühbirnen ist das zarte Tuch gold- und honigfarben,
gerade so, wie Gertrud von Helfta im 13. Jahrhundert
das Gesicht Christi beschrieben hat. Denn nur im
Licht und Kontrast zeigt das feine Tuch das Antlitz
in dreidimensionalen, fast holografischen
Lichteffekten - und zwar von beiden Seiten, nur
seitenverkehrt. Es scheint so fein gewebt, dass es
zusammengefaltet in eine Walnussschale zu passen
scheint. Professor Vittori von der Universität in
Bari und Professor Fanti von der Universität in
Bologna haben auf mikroskopischen Aufnahmen
entdeckt, dass das gesamte Gewebe keinerlei
Farbspuren aufweist. Nur im Schwarzen der beiden
Pupillen wirken die Fasern angesengt, als hätte
Hitze die Fäden hier leicht verschmort. Eine ganz
und gar frische Erkenntnis ist das alles nicht. Denn
die Bauern und Fischer der Adria von Ancona bis
Tarent haben diesen Schleier seit Jahrhunderten
schon immer als "Volto Santo" verehrt, als "Heiliges
Gesicht". "Engel" hätten ihnen das Bild in die Hände
gespielt, glauben die Manoppellesi seit 400 Jahren
(und berufen sich dabei auf einen alten Bericht).
Das mag sein. Wahrscheinlich ist aber, dass auch
einige Bengel sich unter jene Engel geschlichen
haben, als sie die Reliquie im dreistesten
Bubenstück des an abenteuerlichen Schurkereien nicht
eben armen Zeitalters der Renaissance ganz einfach
geklaut haben. Der zerbrochene Kristall im alten
Rahmen der Veronika in Sankt Peter scheint jetzt
noch eine kleine Strophe dieser Moritat zu singen.
Die Geschichte hat etwas von einer Posse, einem
Krimi, einem Detektivstück, einem Drama - und von
einem fünften Evangelium für unsere bilderverrückte
Zeit. Doch als Professor Pfeiffer von Roms
Gregoriana-Universität vor Jahren der Sache im Licht
der Kunstgeschichte und früher Quellen der
Christenheit erstmals wissenschaftlich nachging und
nachwies, dass das Bild aus Manoppello Referenzpunkt
der ältesten Christusbilder zuerst im Osten und dann
im Westen wurde, erschien dies in der Weltpresse
unter "Vermischtes" - und seine Kollegen und viele
Prälaten und Kardinäle im Vatikan schüttelten die
Köpfe über so viel überbordende Professorenfantasie.
Schwester Blandina Paschalis Schlömer, eine deutsche
Trappistin, Pharmazeutin und Ikonenmalerin, hatte
den Professor darauf gebracht - nachdem sie schon
Jahre zuvor entdeckt und akribisch nachgemessen
hatte, dass das Gesicht auf dem Tuch von Manoppello
millimetergenau deckungsgleich mit allen Details auf
dem schattenhaften Gesicht des Mannes auf dem
Grabtuch von Turin ist, mit den realen Maßen und
Proportionen ebenso wie mit allen Verletzungen, von
denen der Gekreuzigte in jenem Tuch gezeichnet ist -
nur ohne die dort noch sichtbaren offenen Wunden.
Dies alles hat die Kritiker der Authentizität des
Tuches von Manoppello nie angefochten, im Gegenteil.
Ihr Haupteinwand ist einfach und überzeugend: Das
alles sei gemalt. Es lohne kaum, es auch nur von
nahem anzusehen. Es sei zu fein, um nicht gemalt zu
sein. Die Augen, die (erst in der Vergrößerung
sichtbaren) Wimpern, die Tränensäcke, die Barthaare,
die Zähne (!), all das sei schlichtweg zu delikat
gezeichnet, um nicht die Hand eines Künstlers und
Meisters zu verraten. Kurz, dieses Objekt sei nicht
etwa ein Vorbild, sondern selbst eine Kopie anderer
Kopien eines unbekannten Originals - oder eben des
Originals auf dem Turiner Grabtuch. Eine bisher
selten gestellte, doch entscheidende Frage betrifft
allerdings das Gewebe selbst. Der Konsistenz nach
könnte es gefärbtes Nylon sein, wäre der Gedanke bei
einem seit 400 Jahren ausgestellten Tuch nicht
absurd. Baumwolle, Wolle, Leinen sind viel zu dick,
um diese immaterielle Transparenz zuzulassen und den
Perlmuttglanz. Selbst Seide lässt dies nicht zu. Die
Kapuziner von Manoppello indessen lassen es nicht
weiter wissenschaftlich und chemisch untersuchen
oder auch nur aus dem Glas der Monstranz
herausnehmen, in dem es über ihrem Hauptaltar
ausgestellt ist. "Nicht nötig!", sagte mir vor
Wochen Pater Germano, der letzte Guardian des
Konvents. "Die Wissenschaft kommt uns entgegen. Sie
entwickelt sich so schnell, dass wir nur abzuwarten
brauchen." Das stimmt wohl. Viele Fotos, die ich in
den letzten Monaten mit meiner Digitalkamera von dem
Bild machen konnte, habe ich so zuvor noch nirgendwo
von dem Gewebe gesehen. Von zwei Tüchern spricht das
Johannes-Evangelium im Bericht vom leeren Grab
Christi in Jerusalem. Petrus und "der andere Jünger"
liefen nach dieser Quelle in der Frühe zum Grab. Der
"andere Jünger" war schneller am Ort. "Er beugte
sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber
nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm
gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die
Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem
Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den
Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an
einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere
Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein;
er sah und glaubte." Für dieses so genannte
Schweißtuch aus dem leeren Grab haben die Bewohner
Manoppellos das Bild immer gehalten, obwohl es nicht
die geringsten Schweißspuren zeigt. Es ist ja auch
viel zu dünn, um nur einen Tropfen Blut oder Schweiß
aufzufangen. Rom, 1. September 2004, Flughafen
Fiumincino. Eine frische Brise vom nahen Mittelmeer
kühlt den Spätsommermorgen. 07.35 zeigt die Uhr der
Halle A, als die Alitalia-Maschine AZ 1570 aus
Cagliari draußen auf der Rollbahn aufsetzt. Minuten
zuvor haben Terroristen im fernen Beslan eine Schule
gestürmt, zum grauenhaftesten Verbrechen seit dem
11. September 2001. Apokalyptische Gräuel sind das
tägliche Brot vieler Reporter der Erde geworden. Ich
aber habe an diesem Morgen keine Nachrichten gehört.
Auch später auf der Autostrada nach Pescara werde
ich das Radio nicht einschalten. Reporter haben es
leicht, geht es mir in der Ankunftshalle durch den
Kopf. Sie müssen nichts beweisen. Sie sind keine
Richter, Anwälte oder Lehrer. Reporter dürfen nur
berichten von Dingen, die sie tagelang, bei jedem
Licht, umkreist und beobachtet haben. Als Chiaro
Vigo die Sperre durchschreitet, erkenne ich sie
gleich, obwohl ich sie noch nie gesehen habe. Pier
Paolo Pasolini hätte jeden Film mit ihr in einer
Hauptrolle besetzen können. Ihre Fingernägel sind
Spindeln. Sie kommt von der kleinen Insel
Sant`Antioco vor der sardischen Küste, wo sie die
letzte lebende Byssus-Weberin der Erde ist, in
ungebrochener Tradition seit vielen Generationen.
"In unserem Volk ist Byssus ein heiliges Gewebe",
sagt sie im Auto. Was soll das heißen, "in unserem
Volk"? Zählt die Insel nicht einfach zu Sardinien?
Nein, lacht sie rau. Sie spreche Sardisch und
Italienisch und kenne viele aramäische Lieder. Die
Bevölkerung leite sich von Chaldäern und Phöniziern
ab und führe die Kunst der Byssus-Gewinnung auf die
Prinzessin Berenike zurück, eine Tochter des
Herodes, die zur Geliebten von Kaiser Titus wurde.
Dann hält sie ein Büschel von unversponnenem rohem
Byssus ins Morgenlicht, feiner als Engelshaar. Das
Gold der Meere! In ihrer Hand leuchtet es bronzen in
der Sonne. Das Gewebebüschel ist aus den Haftfäden
"edler Steckmuscheln" gewonnen, nach denen sie im
Mai bei Vollmondlicht fünf Meter tief taucht, um sie
danach zu kämmen, zu spinnen und zu Preziosen zu
verweben. Byssus ist das kostbarste Gewebe der
Antike. Es taucht in Pharaonengräbern auf und in der
Bibel, wo es erstmals für die Teppiche des
Allerheiligsten und den "Ephod", das
hohepriesterliche Gewand des Obersten Priesters,
obligatorisch vorgeschrieben wird. Im Zitronenbad
wird es golden. Früher, in einem Urinbad von Kühen,
wurde es eher blasser, heller. Wir fliegen über die
Autobahn nach Manoppello. Schwester Blandina
erwartet uns auf dem Hügel des Heiligtums. Als wir
auf dem Mittelgang die Orgelattrappe an der Rückwand
der Kirche hinter uns lassen, leuchtet das "Volto
Santo" im Gegenlicht wie eine milchige, rechteckige
Hostie über dem Tabernakel. Ein Fensterkreuz aus dem
Chor schimmert durch das Gewebe. Chiara Vigo fällt
auf die Knie, nachdem wir hinter dem Altar die
Stufen zu dem Bild hochgestiegen sind. Einen
Schleier, so fein gewebt, hat sie noch nie gesehen.
"Er hat die Augen eines Lammes", sagt sie und
bekreuzigt sich. "Und eines Löwen." Und dann: "Das
ist Byssus!" Chiara Vigo sagt es ein Mal, zwei Mal,
drei Mal. Byssus lasse sich mit Purpur färben, hat
sie schon im Auto erzählt. "Doch Byssus lässt sich
nicht bemalen. Es ist unmöglich. O Dio! O Dio mio!"
Das ist Byssus - das heißt: Es ist kein gemaltes
Bild. Es ist etwas anderes. Etwas vor allen Bildern.
Artikel erschienen am Do, 23.
September 2004 |