Jesus von Manoppello
Der Papst wird im Mai eine Reliquie in den Abruzzen besichtigen. Nach
Ansicht von Experten könnte sie ein Grabtuch Jesu sein
von Paul Badde
Die "Reinigung der Erinnerung" hat Johannes Paul II. wiederholt der
katholischen Kirche abverlangt. Auf diesem Weg setzt nun auch Benedikt
XVI. einen spektakulären neuen Schritt. Im Mai wird er das "Heilige
Antlitz" von Manoppello aufsuchen, ein Tuch, das 2004 erstmals einer
größeren Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde. "Sollten wir nicht
darin das wahre Verhängnis der Welt sehen und um so lauter und
eindringlicher zu Gott rufen, daß er sein Antlitz zeige?" fragte er
als Kardinal schon vor Jahren. Vor Wochen erklärte er, daß Dantes
"Göttliche Komödie" ihn zu seiner ersten Enzyklika (über die Liebe)
inspiriert habe, wo uns im innersten Licht des Paradieses schließlich
nicht etwa ein noch gleißenderes Leuchten, sondern das zarte Gesicht
eines Menschen begegnet: das Antlitz Jesu Christi. Daß Gott "ein
menschliches Gesicht" besitzt, sei der alles bewegende Höhepunkt
dieses "kosmischen Ausflugs".
Dantes Verse aus dem Jahr 1320 erinnern mit den Reiseplänen des
Papstes jedoch auch daran, daß unser "Krieg der Karikaturen" in
Wirklichkeit nur eine Karikatur früherer Bilderstürme ist. Der wahre
Streit um das wahre Bild Gottes hat Rasereien hinter sich, denen schon
Tausende zum Opfer gefallen sind - jedoch aus der Hand von Christen,
nicht von Muslimen. Unzählige Ikonen wurden dabei verbrannt und
zerhackt, ihre Verehrer verbannt, gefoltert, ermordet. Kaiser Leo
III., der Isaurier, wollte im Jahr 730 alle Ikonen des byzantinischen
Reiches zerstören, um den christlichen Kult "zu reinigen". Auch nach
ihm hat dasselbe Fieber die Christenheit immer wieder einmal
überfallen, jeweils begleitet von aufgeheizten Debatten. Denn das
Hauptmotiv der hartnäckigen Verteidiger der Bilder blieb immer gleich:
Christen haben ein Urbild Gottes, sagen sie. In Jesus Christus habe
Gott sein Gesicht gezeigt. Darum dürfen Christen Gott abbilden. An
ihrem Anfang steht also keine neue Schrift, sondern ein Bild. Bis die
Evangelien geschrieben waren, besaß die junge Kirche nur die jüdische
Bibel. Das Christentum wurde aber auch dadurch zu keiner Buchreligion.
Äthiopiens Christen etwa konnten sich bis ins 9. Jahrhundert nur von
Ikonen und Erzählungen entwickeln, vollkommen ohne Schrift.
Diese Urerfahrung von einem Gott, der sich gezeigt hat, wurde sehr
früh schon begleitet von Nachrichten eines geheimnisvollen Urbilds,
das im Innern der Christenheit von Generation zu Generation weiter
gereicht wurde. Zuerst taucht im Raum von Edessa in Ostanatolien im 6.
Jahrhundert ein solches "Bild König Abgars" mit "vier Falten" in
frühen Texten auf. Eingemauert in einem Stadttor soll es da viele
Stürme überstanden haben. Später ist es lange in Konstantinopel
bezeugt, wo es Vorbild wurde für das große Christusmosaik in der
Kuppel der Hagia Sophia. Im 8. Jahrhundert verschwindet das Bild dann
aus allen byzantinischen Quellen, während zur gleichen Zeit ein
ähnlich rätselhaftes Porträt auf einem zarten Schleier plötzlich in
Rom erscheint, wo es bald nur noch "Schweißtuch der Veronika" genannt
wird. In den Grotten unter dem Petersdom finden sich fünf Fresken, die
jenes "Ziborium" bis heute festhalten, das Papst Johannes VII. im Jahr
705 für dieses "allerheiligste Schweißtuch" errichten ließ. Der
säulenverzierte Altar war der wichtigste Reliquienschrein der alten
Basilika.
Als im Jahr 1506 mit dem Neubau des heutigen Doms begonnen wurde,
schuf Donato Bramante gleich über dem Grundstein eine neue
Schatzkammer für die Kronreliquie. Der erste der vier hohen Pfeiler,
auf denen die Peterskuppel ruht, wurde damals als
Hochsicherheitstresor für diesen feinen Schleier ausgebaut. Hier
sollte er hinein, als der alte Schrein im Jahr 1608 abgerissen wurde.
Und hier verschwand die Urikone noch einmal im 17. Jahrhundert -
obwohl seit damals noch immer einmal pro Jahr für wenige Sekunden eine
"Veronika-Reliquie" auf der Loggia des Pfeilers gezeigt wird, auf dem
jedoch mit bloßem Auge absolut nichts zu erkennen ist.
Aus der Welt verschwunden ist die Mutterikone Christi aber wohl
dennoch nicht. Eine ganze Reihe von Indizien sprechen inzwischen
überwältigend dafür, daß das "Heilige Gesicht" von Manoppello, das der
Papst im Mai besuchen will, identisch ist mit dem alten "Schweißtuch
der Veronika" und dem noch älteren "Abgar-Bild". Es vereint in sich
Qualitäten von Fotos, Holographien, Gemälden, Zeichnungen, zusammen
mit rätselhaften Unmöglichkeiten und Ungenauigkeiten. Der Stoff, auf
dem es ruht, hat feinere Qualitäten als Nylon. Vor allem aber gleicht
das Antlitz Christi keinem zweiten Kunstwerk. Die Schattierungen des
Porträts sind delikater, als Leonardo da Vinci sie mit seiner
sfumatura zu zaubern verstand. In manchem erinnert das Bild an eine
Fotografie, doch in der Iris ist die rechte Pupille leicht nach oben
verschoben, wie es in keinem Foto möglich ist. Genauso wenig kann das
Bild eine Holographie sein, der es trotzdem gleicht, wenn Licht von
hinten den Schleier bescheint. Vier deutliche Falten durchziehen das
Tüchlein, als wäre es lange Zeit einmal längs und zweimal waagerecht
gefaltet gewesen. Die Farben schimmern changierend zwischen Umbra,
Siena, Silber, Schiefer, Kupfer, Bronze oder Gold, doch in der Art von
Schmetterlingsflügeln; denn unter dem Mikroskop wurden keine
Farbspuren in dem Gewebe entdeckt - und im Gegenlicht wird es
transparent wie klares Glas; dann verschwinden auch die Falten
vollkommen. Diese letzten Phänomene lassen sich sonst nur bei
Muschelseide beobachten: dem kostbarsten Gewebe der Antike. Der
Unterschied zu gewöhnlicher Seide läßt sich hier aber mit bloßem Auge
erkennen. Denn links und rechts oben fehlen dem Bild zwei Ecken, die
irgendwann durch Flicken aus feinster Seide ersetzt wurden. Gegen
Licht wirken diese Flicken grau, der Schleier hingegen durchsichtig,
wie nur Muschelseide durchsichtig sein kann.
In Manoppello wird das Bild natürlich hoch verehrt. Hier genügte den
Menschen für Jahrhunderte die Legende, daß "ein Engel" das Bild im
Jahr 1506 dorthin gebracht habe, bis vor einigen Jahren Schwester
Blandina Schlömer und Pater Heinrich Pfeiffer, eine deutsche
Trappistin und ein deutscher Jesuit, zu fragen begannen, wo dieser
Engel denn wohl herkam. Zunächst aus Rom, das scheint inzwischen
gewiß.
Wo es aber wirklich herkommt, bevor es hier die Stürme der letzten
Jahrhunderte überlebte, wird auch der deutsche Papst nicht einfach
beantworten können. Hier wird er zuerst vor der Frage auf die Knie
gehen. Das Gesicht hat eine eigentümliche Spiegelwirkung. Es ist fremd
und nah zugleich. Am allermeisten gleicht es jedoch dem Antlitz des
Mannes, der einmal in dem Turiner Grabtuch gelegen hat. Es ist genauso
majestätisch und ebenso rätselhaft wie das Leintuch aus Turin - jenem
zweiten, doch viel, viel größeren Textil, von dem es seit frühester
Zeit auch heißt, es sei "nicht von Menschenhand gemacht". Unter allen
Materialien gibt es aber kaum zwei Stoffe, die sich weniger
vergleichen lassen als diese beiden Gewebe: Leinen das eine,
Muschelseide das andere, von völlig unterschiedlicher Dichte, Dicke,
Struktur und Webart. Beide lassen sich verschieden verziehen.
Ungenauigkeit und höchst problematische Meßbarkeit ist diesen
Materialien quasi eingewebt.
Umso erstaunlicher ist deshalb, wie außerordentlich hoch die
Übereinstimmung zwischen beiden Abbildern dennoch auf den ungleichen
Tüchern ist. Alle bisher möglichen Messungen lassen auf ein und
denselben Abgebildeten schließen. Beide Tücher bilden eine einzige
identische Figur ab, beide als Urbilder, und beide vollkommen
verschieden. Alles andere sind Kopien. Wenn ein einziges Gewebe auf
der Welt also für sich beanspruchen kann, als "zweites Grabtuch" zu
gelten, dann dieses "Heilige Gesicht" aus Manoppello, vor dem der 266.
Nachfolger des Apostels Petrus bald knien wird. Petrus sah in
Jerusalem als erster im leeren Grab "die Leinenbinden und das
Schweißtuch" liegen, wie der Evangelist Johannes schreibt. Erst nach
ihm ging Johannes selbst hinein und "sah und glaubte".
Was sah er denn, daß er so schnell glaubte? Und was wird Benedikt XVI.
nun sehen? Er weiß, daß schon im 6. Jahrhundert byzantinische
Heerführer ein geheimnisvolles Christusbild als Siegesbanner in ihren
Kriegen und Schlachten gegen die Perser mit sich führten - so wie das
alte Israel die Bundeslade in seinen Feldzügen gegen die Philister mit
sich führte. Auch die Bundeslade war schon verloren gegangen und auf
abenteuerliche Weise wiedergefunden worden, bis sie schließlich
endgültig verschollen ging: das "Allerheiligste" Israels mit den
Göttlichen Geboten vom Berg Sinai. Muß das Wiederauftauchen des
Göttlichen Gesichts den Papst da nicht noch mehr beflügeln als eine
letzte Wiederentdeckung der Bundeslade? Heute kann und darf die
Christenheit keinen Krieg mehr führen, weder gegen die Perser noch die
Philister. Gewaltige Kämpfe stehen aber dennoch an, die Benedikt XVI.
am Tag seiner Wahl schon aufgenommen hat. Da wird die Christenheit ihr
altes Siegesbanner wieder gut brauchen können: das göttliche Urmeter
der menschlichen Person, das Dante mitten im Licht der Liebe
erblickte, die "die Sonne und Sterne bewegt". Paul Badde ist Autor des
Buches "Das Muschelseidentuch", das im März unter dem Titel "Das
Göttliche Gesicht" neu bei Pattloch erscheinen wird.
Artikel erschienen am Sa, 18. Februar 2006